Von 1996 bis 1999 gehörte Roskilde zu meinen Sommern. 2026 kehrte ich zurück – diesmal ließ ich mir das Festival von meinem 16-jährigen Sohn zeigen.
Dienstagabend, kurz vor zehn, standen Jacob und ich mit unserem Zelt auf dem Campingplatz des Roskilde Festivals.
Zuletzt war ich 1999 hier gewesen. Damals mit meiner Freundin, die heute meine Frau ist. Diesmal stand unser 16-jähriger Sohn neben mir – und wusste deutlich besser als ich, welche Bands wir in den nächsten Tagen sehen sollten.
Das war auch gut so.
Ich war nicht zurückgekommen, um Roskilde 1999 noch einmal zu erleben. Vor allem wollte ich diese Tage mit meinem Sohn verbringen und gemeinsam mit ihm entdecken, wie sich das Festival heute anfühlt.
Und wie es sich anhört.
Vier Sommer lang gehörte Roskilde dazu
1996 war ich zum ersten Mal beim Roskilde Festival. Ich kam mit einer Gruppe aus Uetersen: mehr als 20 Leute aus dem Schwimmclub und dem erweiterten Freundeskreis.
Wir bauten ein großes Zeltlager auf und machten es für einige Tage zu unserem kleinen Dorf. 1997 und 1998 kamen wir wieder.
Roskilde gehörte damals einfach zum Sommer.
1999 fuhr ich mit meiner damaligen Freundin hin. Viel Geld hatten wir nicht. Also kauften wir ein, grillten vor den Zelten und improvisierten.
Für eine dünne Isomatte und mehrere Tage einfaches Camping war mein Rücken damals noch deutlich aufgeschlossener.
Musikalisch bekam ich in diesen Jahren viele der großen Namen meiner Zeit zu sehen: David Bowie, R.E.M., Pet Shop Boys, Nick Cave, Alanis Morissette, Sinéad O’Connor, Die Toten Hosen, Tocotronic und Rammstein. 1999 kamen unter anderem Blondie und Metallica dazu.
Dänische Künstler spielten für mich damals kaum eine Rolle, mal abgesehen von D.A.D. Ich verstand kein Dänisch und orientierte mich vor allem an den internationalen Bands, die ich bereits kannte.
Heute spreche ich Dänisch. Gleichzeitig nehmen heute dänische und andere skandinavische Künstler deutlich mehr Raum im Programm ein.
Die aktuelle Musik musste mir trotzdem Jacob erklären.
Unser Zelt stand wie eine Eins
Wir hatten einen „Get A Late Spot“ gebucht. Der Bereich öffnete erst am Dienstag, deshalb fanden wir trotz unserer späten Ankunft problemlos einen guten Platz.
Noch war alles erstaunlich sauber.
Noch.
Nicht ganz zu Roskildes Anspruch an Nachhaltigkeit passen die vielen Zelte, Stühle und kaputten Pavillons, die während der Festivalwoche auf dem Campingplatz zurückbleiben. In anderen Bereichen konnte man bereits sehen, wie schnell aus einem Zeltlager eine Mülllandschaft werden kann.
Unser eigenes Zelt überstand die Woche dagegen vollständig.
Bis auf einen Vormittag blieb das Wetter trocken, aber es wehte ordentlich. Viele Zelte hielten dem Wind nicht stand.
Unseres stand wie eine Eins.
Darauf war ich unangemessen stolz.
Auch die Luftmatratze war gut. Das lange Stehen vor den Bühnen sollte später schwieriger werden.
Grillen ist weg, Bierbowling nicht
Offenes Feuer ist auf dem Campingplatz heute aus Sicherheitsgründen verboten. Das gemeinsame Grillen vor dem Zelt ist damit verschwunden.
Schade ist es trotzdem. Der Grill gehörte früher zum Camp wie das Zelt, der Campingstuhl und die viel zu dünne Matratze.
Jacob und ich hatten nur Frühstück dabei. Alles andere kauften wir auf dem Festivalgelände.
Das Essen war überraschend gut. Viele Stände werden von Vereinen betrieben, die vernünftige Qualität anbieten und nicht einfach möglichst billiges Schnellessen verkaufen.
Auch auf dem Campingplatz ist nicht alles verschwunden, was ich von früher kannte, insbesondere Trinkspiele sind immer noch ein fester Bestandteil. Mit unseren netten Nachbarn spielten wir eine Runde Bierbowling.
Neu ist dagegen die Lautstärke. Heute kann praktisch jedes Camp seine Umgebung mit einer Soundbox in Konzertlautstärke beschallen. Natürlich spielen benachbarte Camps nie dieselbe Musik.
Und natürlich hört jeder die Musik des anderen.
Erstaunlicherweise wird es irgendwann trotzdem ruhig. Zwischen ungefähr vier und neun Uhr morgens scheint tatsächlich der gesamte Campingplatz zu schlafen.
Danach erwachen die ersten Soundboxen wieder.
Vor Orange steht man heute besser
In den Neunzigerjahren standen die Menschen vor der Orange Stage wesentlich dichter gedrängt.
Die Menge bewegte sich teilweise wie eine Welle. Man entschied nicht immer selbst, in welche Richtung man geschoben wurde.
Heute ist der Bereich vor der Bühne in Sektionen unterteilt. Dadurch stehen weniger Menschen auf engem Raum. Man hat mehr Platz, die unkontrollierten Bewegungen durch die Menge sind verschwunden und alles fühlt sich deutlich sicherer an.
Der Stimmung schadet das nicht.
Im Gegenteil: Ich kann auf einiges verzichten, wenn dazu gehört, nicht unfreiwillig mit mehreren Tausend Menschen gleichzeitig zwei Meter nach links zu wandern.
Auch die Tontechnik ist besser geworden. Orange sieht noch immer vertraut aus, klingt aber klarer und kraftvoller als in meiner Erinnerung und die neue grössere Orange gibt deutlich mehr Raum für Bühnenshows.
Damit waren die Voraussetzungen für die Musik gut.
Nur meine Füße hatten noch Fragen.
Vier Konzerte am Tag
Jacob und ich sahen ungefähr vier Konzerte am Tag.
Für einen guten Platz waren wir teilweise eine Stunde vor Beginn da. Dann folgten das Konzert, der Weg zur nächsten Bühne und oft die nächste Wartezeit.
Ich bin langes Stehen nicht mehr gewohnt. Nach einigen Tagen meldeten sich meine Füße ziemlich zuverlässig.
Die jungen Menschen um mich herum störten sich dagegen überhaupt nicht an dem 50-Jährigen zwischen ihnen. Ich hatte nie das Gefühl, dort nicht hinzugehören.
Nur meine Füße sahen das etwas kritischer.
Jacob kannte das Programm deutlich besser als ich und plante den größten Teil unserer Festivaltage. Drei Konzerte ragten für uns heraus: The Cure waren vor allem mein Wunsch, Aphaca Jacobs großer Höhepunkt – und bei Tobias Rahim waren wir beide begeistert.
The Cure waren für mich
The Cure gehörten zu den Konzerten, auf die ich mich besonders gefreut hatte.
Musikalisch war das stark: gutes Handwerk, großartige Musik und neben den bekannten Liedern auch einige weniger offensichtliche Stücke. Robert Smith suchte nicht besonders viel Kontakt zum Publikum.
Er spielte lieber.
Das konnte er dafür sehr gut.
Jacob hatte sich auf das Konzert vorbereitet und vorher ältere Songs von The Cure gehört. Aus einer Band, die zunächst vor allem für mich auf dem Programm stand, wurde dadurch ein gemeinsames Erlebnis.
Für Tobias Rahim waren wir etwa eine Stunde früher an der Orange Stage, um einen guten Platz zu bekommen. Auch dieses Konzert wurde zu einem unserer Höhepunkte.
Nicht alles hatten wir so genau geplant. Bei Pil standen wir zur Eröffnung ganz vorne, obwohl wir beide keine besonders großen Fans waren. David Byrne sahen wir eher zufällig – und er wurde zu einer echten Überraschung.
Gerade die Konzerte, die man vorher nicht fest eingeplant hat, bleiben manchmal besonders gut hängen.
Das wichtigste Konzert kam für mich aber noch.
Aphaca
Auch für Aphaca waren wir früh da und kamen weit nach vorne.
Jacob kannte jeden Song. Er sang mit, war vollkommen in der Musik und genau dort, wo er sein wollte.
Ich kannte nicht jedes Lied.
Musste ich auch nicht.
In diesem Moment war ich nicht nur der Vater, der seinen Sohn auf ein Festival begleitet. Jacob ließ mich für ein paar Tage Teil seiner Welt sein. Er zeigte mir, welche Musik er hört, welche Künstler ihm etwas bedeuten und warum es sich lohnt, eine Stunde vor Konzertbeginn vor der Orange Stage zu warten.
Aphaca war Jacobs Höhepunkt des Festivals.
Dadurch wurde das Konzert auch zu meinem.
Bei meinen früheren Roskilde-Besuchen ging es um meine Freunde, meine Bands und meine Zeit. 2026 musste ich diese Jahre nicht noch einmal erleben.
Ich konnte etwas Neues erleben.
Mit Jacob.
Und dann spielte TV-2
Unser letztes gemeinsames Konzert war TV-2.
Zara Larsson am Sonntag schafften wir nicht mehr. Jacob musste weiter nach Rømø, wo er als Betreuer in einem Kindercamp arbeitete.
Gerade noch Orange Stage, Soundboxen und Zehntausende Menschen. Am nächsten Tag Kinderbetreuung auf Rømø.
Während TV-2 spielte, stand Jacob neben mir. Bald würden wir das Zelt abbauen, den Campingplatz verlassen und wieder in unseren Alltag zurückkehren.
1999 war ich mit seiner Mutter hier gewesen. 27 Jahre später hatte unser Sohn mir gezeigt, wie sich Roskilde heute anhört.
Irgendwann merkte ich, wie ich zum Abschied dann doch emotional wurde.
Steffen Brandt sang einfach weiter.






